Suchen & Buchen

Frauen stoßen mit Bierkrügen beim Braufest der Brauerei Grosch in Rödental an © Brauhotel Grosch Rödental

Braukultur

Jeder Brauer zwischen Kaltenbrunn im Süden und Steinach im Norden ist stolz auf seine handgemachten Brauspezialitäten. „Craft Beer machen wir seit Hunderten von Jahren“ ist zu hören. Tatsächlich ist das Craft Beer, das seine Bezeichnung dem rein handwerklichen Brauvorgang verdankt, hier zu Hause.

Ein gutes Dutzend Privat- und Kommunbrauereien veredeln Gerste, Hopfen und Wasser zu Spezialitäten mit vielsagenden Namen wie „Anno 1492“, „Storchen-Pils“, „Wohllebens Weizen“ und „Luthertrunk“. So manches Bier gibt es nur in der Brauerei oder im Ausschank, passend zu eigens kreierten, bierigen Mahlzeiten in der Wirtschaft.

Während sich bei regionalen Spezialitäten wie etwa Klößen und Rostbratwürsten der Pluralismus in zahlreichen Geschmäckern, Meinungen und Rezepten ausdrückt, hält man beim Bier zusammen. Sichtbares Zeichen ist das Zweiländerbier, aus fünf Malzen und Braugerste aus der Region von der Handwerksbrauerei Schleicher im Itzgrund gebraut. Entstanden auf Initiative von zehn Städten und Gemeinden im Rodachtal, ist es Ausdruck einer über 600-jährigen Braukultur und zugleich der historisch verwurzelten kulinarischen Verbundenheit der Menschen in der Region Coburg.Rennsteig.

Aufgrund der vielen Einflüsse entlang mittelalterlicher Handelswege, gemeinsamer Interessen während der Reformation und über Jahrhunderte ausgeprägter Vernetzungen lokaler, herzoglicher Herrschaftsgebiete ist hier eine Braukultur entstanden, deren Vielfalt und Eigenart europaweit ihresgleichen sucht. Institutionen wie die Genussregion Coburger Land und das Bierland Oberfranken, das mit rund 200 angeschlossenen Handwerksbrauereien die höchste Brauereiendichte der Welt zu bieten hat, präsentieren diese einzigartige Vielfalt in ihrer ganzen Pracht.

Aushängeschild der Brauerei Schleicher in Kaltenbrunn ist zweifellos das Storchen-Pils, das seinen Namen einem Störchenpärchen verdankt, das seit vielen Jahren vom Frühjahr bis in den Herbst auf dem Dach der Brauerei brütet und immer wieder Besucher aus Nah und Fern fasziniert. Von hier führt die Radtour „Tour der Braukunst“ nach Heilgersdorf, wo die Familie Scharpf aus eigenem Quellwasser ein süffiges Märzen und ein naturtrübes Zwickelbier braut. Beide Biere kommen im brauereieigenen Gasthof „Weißes Ross“ zum Ausschank, aber viele durstige Heilgersdorfer holen ihr Bier auch direkt von der Theke in Bügelflaschen und Fässern nach Hause.

Ein kurzes Stück das Rodachtal hinauf bietet Sesslach noch ein Stück Braukultur, das seit der Erteilung des Braurechts 1355 gepflegt wird. Im vor kurzem renovierten Kommunbrauhaus wird von Hand nach altem Rezept das Bier für die Sesslacher und die meisten dort ansässigen Wirtschaften gebraut. Das „Jungbier“ gärt in Felsenkellern nach, die man in Sesslach noch an einigen Stellen findet. Am „Fasstag“ holen die Alt- und Hausbrauer die ihnen zugeteilte Biermenge in allen möglichen Gefäßen ab. Mit zahlreichen weiteren Aktivitäten wie dem „Stärk’ Antrinken“ am Dreikönigstag, dem Hahnenschlag am Kirchweihmontag und dem Probeschluck am Altstadtfest zelebrieren die Brauhausfreunde mit Bierliebhabern von überall ihr selbstgebrautes Bier.

Warum sich Bier in Holzfässern nicht nur lange hält, sondern darin auch seinen besonderen Geschmack entwickelt, kann man sich bei der Braugemeinschaft Lindenau vor Augen führen. Das Geheimnis liegt im „Fasspichen“, einem uralten Handwerk, das heute kaum noch zu finden ist. In Lindenau wird das Wissen von Generation zu Generation weitergegeben. Gepicht wird vor jedem Brauvorgang. „In aufgeschlagenen Fässern wird Pech erhitzt und darin verteilt. So werden sie von innen abgedichtet. Einige Wochen muss das Bier noch in den gepichten Fässern weitergären und entwickelt so seinen einzigartigen Geschmack“, verrät Braumeister Egon Meister. Das Fasspichen mitanzusehen bietet nicht nur wertvolles Wissen zum Entstehungsprozess des Bieres, sondern auch ein spektakuläres Schauspiel.

Dem Wissen über’s Bier hat sich auch der Rödentaler Braugasthof Grosch verschrieben, wo seit 1492 bis heute handwerklich gebraut wird. Zu so manchem Anlass hat der Grosch schon eine Spezialität aus Hopfen und Malz beigetragen, zum Beispiel mit dem Hochzeitsbier, dass sich 2009 bei der legendär gewordenen Coburg Adelshochzeit über 500 meist prominente Gäste aus aller Welt schmecken ließen. Der naturtrübe Luthertrunk, gebraut aus Bio-Zutaten nach über 500-jähriger Rezeptur, verdankt seine Entstehung einem Aufenthalt des Reformators vor Ort, der – so die Legende – prompt die Lust auf die Weiterfahrt verlor und in der Region hängenblieb. Was man noch so zaubern kann aus Hopfen und Malz, erfahren Bierfans regelmäßig bei den Bierkulinarien des Biersommelier-Ehepaars Kerstin und Christof Pilarzyk, die sonst mit Leidenschaft und Einfallsreichtum die Geschicke des Grosch lenken.

Einfallsreichtum ist auch der prägende Begriff für Bierkultur, wie sie wohl nur in Steinach erlebt werden kann: Im engen Flusstal der Steinach im Thüringer Schiefergebirge prägt seit 1736 die Familie Greiner-Wohlleben im Ankerla die Jahrhunderte alte Brautradition. Hier dreht sich wirklich alles rund ums selbst gebraute Bier. Wer davon nicht genug bekommen kann, tobt sich kulinarisch bei Kellerbier und Mälzerschnitzel aus, das mit frisch geschrotetem Braumalz aus der Ankerbräu paniert ist. Für ein einzigartiges Wellness-Erlebnis zwischen Hopfen und Malz sorgt dann das Fassdorf neben dem Brauereigasthof, wo man zu zweit in urigen Wohnfässern übernachten und in der holzbefeuerten Fasssauna schwitzen kann.