Wir erleben derzeit einen kulturellen Wandel von unwägbarem Ausmaß. Anerkannte Werte des politischen und gesellschaftlichen Lebens werden in Frage gestellt oder einfach missachtet. Weltweit können wir ein neues Richtmaß erkennen: das Recht des Stärkeren, des Eigennutzes, der Gewalt. Dies droht unsere freiheitlichen Strukturen und demokratischen Normen zu zerstören. Wir alle müssen lernen, was wir dem entgegenzuhalten haben. Auch wenn wir weitgehend zum Zuschauen verurteilt sind, sollten wir dieses jedoch kritisch vollziehen, sollten wir die Mechanismen, die vor uns ablaufen, durchschauen, sollten wir als mündige Bürger Stellung beziehen können. Unter diesem Aspekt haben die Historische Gesellschaft Coburg e.V. und die Landesbibliothek Coburg eine Vortrags- und Diskussionsreihe im Herbst 2025 über tragende, aber auch vielfach umstrittene Begriffe des gegenwärtigen Wandels begonnen. Thema der ersten Serie war „Toleranz“. Die zweite, jetzt anstehende Serie wird sich in der ersten Jahreshälfte 2026 mit dem Begriff „Wahrheit“ befassen und dabei die verschiedenen Gesichter der Wahrheit erörtern. Gewonnen wurden hierfür erneut namhafte Praktiker und Wissenschaftler (Chefredakteur von CORRECTIV, Vertreter der Geschichtswissenschaft, der Praktischen Philosophie und der Rechtssprechung).
„Passt scho!“ – Eine philosophische Annäherung an die Wahrheit
Referent: Prof. Dr. Christian Illies (Otto-Friedrich-Universität Bamberg)
Es ist eine alte Frage, was wir eigentlich meinen, wenn wir sagen, eine Aussage sei „wahr“. Deckt sie sich mit der Wirklichkeit? Diese Antwort liegt nahe, hat aber ihre Tücken. Denn wir haben keinen unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit, sondern immer nur einen vermittelten – über unsere Sinne, unser Denken und unsere Begriffe. Wir müssten also in gewisser Weise schon wissen, wie die Wirklichkeit wirklich (wahrhaft!) ist, um prüfen zu können, ob sich eine Aussage mit ihr deckt. Bemerkenswert ist, dass die Philosophie bei ihrer Suche nach einem Begriff der „Wahrheit“ oft dort landet, wo die Franken immer schon waren: bei der Idee einer umfassenden Stimmigkeit zwischen Aussagen, Einsichten, Sinneserfahrungen, Überzeugungen und logischen Zusammenhängen, die sich wechselseitig stützen. Wahr ist, was sich bruchlos einfügt in ein Ganzes.
Christian Illies, wohnhaft in Coburg, ist Professor für Philosophie und einer der Leiter des transdisziplinären Instituts Mensch & Ästhetik. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die politische Anthropologie, die Ethik der Manipulationen und Einflussnahme sowie die Philosophie der Architektur.