Wir erleben derzeit einen kulturellen Wandel von unwägbarem Ausmaß. Anerkannte Werte des politischen und gesellschaftlichen Lebens werden in Frage gestellt oder einfach missachtet. Weltweit können wir ein neues Richtmaß erkennen: das Recht des Stärkeren, des Eigennutzes, der Gewalt. Dies droht unsere freiheitlichen Strukturen und demokratischen Normen zu zerstören. Wir alle müssen lernen, was wir dem entgegenzuhalten haben. Auch wenn wir weitgehend zum Zuschauen verurteilt sind, sollten wir dieses jedoch kritisch vollziehen, sollten wir die Mechanismen, die vor uns ablaufen, durchschauen, sollten wir als mündige Bürger Stellung beziehen können. Unter diesem Aspekt haben die Historische Gesellschaft Coburg e.V. und die Landesbibliothek Coburg eine Vortrags- und Diskussionsreihe im Herbst 2025 über tragende, aber auch vielfach umstrittene Begriffe des gegenwärtigen Wandels begonnen. Thema der ersten Serie war „Toleranz“. Die zweite, jetzt anstehende Serie wird sich in der ersten Jahreshälfte 2026 mit dem Begriff „Wahrheit“ befassen und dabei die verschiedenen Gesichter der Wahrheit erörtern. Gewonnen wurden hierfür erneut namhafte Praktiker und Wissenschaftler (Chefredakteur von CORRECTIV, Vertreter der Geschichtswissenschaft, der Praktischen Philosophie und der Rechtssprechung).
Gottesurteil-Folter-Fingerabdrücke. Wahrheitsproduktion vor Gericht in Mittelalter und Neuzeit
Referent: Prof. Dr. Gerd Schwerhoff (TU Dresden)
Ein Mensch ist getötet worden, ein anderer steht dafür vor Gericht – hat er die Tat begangen? Diese einfache Frage nach dem „wahren“ Sachverhalt wird von der Justiz zu unterschiedlichen Zeiten ganz verschieden bearbeitet. Im Mittelalter sollen Eideshelfer den guten Leumund eines Beklagten bezeugen können, nicht aber dessen Verhalten in der Angelegenheit selbst. In der Frühen Neuzeit konnte die Wahrheit ans Licht kommen, indem der Angeklagte unter bestimmten Bedingungen unter der Folter „peinlich“ befragt wurde. Und ab dem 19. Jahrhundert versuchten Polizei und Justiz immer stärker, die Wahrheit indirekt – nämlich über scheinbar untrügliche Indizien – zu erschließen. Vordergründig mögen sich diese verschiedenen Formen gerichtlicher Wahrheitsproduktion als Fortschrittsgeschichte verstehen lassen; aber mindestens ebenso sehr bezeugen sie die Komplexität dessen, was die Menschen unter „Wahrheit“ verstanden bzw. verstehen.
Gerd Schwerhoff ist Seniorprofessor für Geschichte der Frühen Neuzeit. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Geschichte der Kriminalität und des abweichenden Verhaltens sowie die Geschichte der Hexerei und Hexenverfolgung.